Trend-Meinung
Strom wird durch die höhere EEG-Umlage immer teurer. Schuld am Strompreisanstieg sind die erneuerbaren Energien, weil die so hoch subventioniert und gefördert werden.

Fakten
Fakt ist, dass der Staat keine Förderung oder Subventionen zahlt und auch keine Steuermittel einsetzt. Es gibt auch keine Fördertöpfe (wie das EEG wirklich funktioniert). Der staatlich verordnete Verkauf des EEG-Ökostroms an der Börse führt seit 2010 zu fallenden Strom- und Einkaufspreisen. Dadurch steigt paradoxerweise die EEG-Umlage. Die höhere EEG-Umlage wird von den Stromversorgern bzw. Stadtwerken an die Verbraucher sofort weitergegeben, sinkende Einkaufspreise für Strom häufig dagegen nicht. Warum das so ist, hat meist einen ganz einfachen Grund.



1. Börsen-Strompreise fallen - Stromeinkäufer und Wirtschaft profitieren
Strom wird an der Strombörse in zwei Marktsegmenten gehandelt. In beiden Marktsegmenten ist zu beobachten, dass die Strompreise sinken.

a. Stromhandel am Spotmarkt
(Tagespreise)
Am Spotmarkt der Strombörse werden Strommarktkontrakte gehandelt, die noch am selben bzw. am nächsten Tag geliefert werden (Intraday- bzw. Day-Ahead-Handel). Auch der im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) erzeugte Strom aus Wind-, Solar-, Wasserkraft- oder Biogasanlagen wird am Spotmarkt vermarktet. Eine Besonderheit ist es, dass der Strom am Spotmarkt unkenntlich, d.h. ohne Herkunftsnachweis als neutraler "Graustrom" verkauft werden muss. 
Aufgrund des wachsenden Anteils von EEG-Strom (ca. 176 Mrd. kWh in 2015) sind die Börsenstrompreise am Spotmarkt in Deutschland stark gefallen und erreichen derzeit das Niveau von 2002. Gegenüber dem Jahr 2014 ist der Preis für Grundlaststrom (Baseload) von Januar bis Dezember 2015 im Durchschnitt um 3,5 Prozent von 3,28 Cent pro kWh auf 3,16 Cent ct/kWh gesunken. Mit 2,20 ct/kWh erreichte der Preis für Grundlaststrom im Februar 2016 den niedrigsten Stand seit knapp 14 Jahren.
In den Nachbarländern Schweiz und Frankreich war der Strompreis deutlich teurer: Grundlaststrom war in Deutschland von Januar bis Dezember 2015 um rd. 22 Prozent günstiger als in der Schweiz und fast 18 Prozent günstiger als in Frankreich.

strompreis spotmarkt
Über sinkende Strompreise am Spotmarkt freuen sich die Stromeinkäufer aus der Wirtschaft, die günstigen Strom für aktuell etwa 2,8 ct/kWh (2008: bis zu rd. 9 ct/kWh) beziehen können. Für die Verbraucher bedeutet das - seit dem Wechsel des Wälzungsmechanismus im Jahr 2010 durch die Politik - paradoxerweise aber eine höhere EEG-Umlage. Wie das?
Beispiel: Angenommen, für den Windstrom wird eine Vergütung von 8 ct/kWh gezahlt. Der Windstrom wird als "Graustrom" dann an der Börse 2015 verkauft und es wurden 3 ct/kWh erlöst (=Einkaufspreis 2015 für Wirtschaft). Die Differenz (5 ct/kwh) ist die EEG-Umlage (wie die EEG-Umlage funktioniert). Im Jahr 2011 wurden noch 5 ct/kWh für den EEG-Strom erlöst, d.h. die Differenz zur Windstrom-Vergütung in Höhe von 3 ct/kWh war deutlich niedriger und damit auch die EEG-Umlage für den Verbraucher. 
Ob der EEG-Strom für 5 ct/kWh wie im Jahr 2011 oder für 3 ct/kWh (2015) an der Börse verkauft wird, hat gewaltige Auswirkungen auf das EEG-Konto. Geht man von rd. 180 Mrd. kWh EEG Strom in Deutschland pro Jahr aus, der am Spotmarkt verkauft wird, müssen die Stromverbraucher pro 1 ct/kWh Erlös-Rückgang 1,8 Mrd. Euro mehr an EEG-Umlage bezahlen, bei 2 ct/kWh (wie zwischen 2011 und 2014) sind das 3,6 Mrd. Euro. Im Umkehrschluss profitiert die Wirtschaft um diesen Betrag von den gesunkenen Einkaufs-Strompreisen (EU, Industrie-Subventionen und das EEG). 

b. Stromhandel am Terminmarkt
(Zukunft: Stromkauf für die nächsten Jahre)
Wichtiger als die Strompreise am Spotmarkt (Tagespreise) ist für die Wirtschaft bzw. die Industrie der aktuelle Handel von Strom-Futures am Terminmarkt (Zukunft). Hier planen die Stromeinkäufer und Großabnehmer auf Jahre hinaus und kaufen bereits zum heutigen Zeitpunkt künftige Stromkontingente für die nächsten Jahre (bis 2022) zu festen Preisen ein. Auch am Terminmarkt sind - bedingt durch den wachsenden Anteil von EE-Strom am Spotmarkt - trotz des Atomausstiegs die Strompreise weiter deutlich gefallen. Im Februar 2016 markierte der Terminmarktpreis zur Lieferung im jeweils kommenden Jahr mit 2,2 Cent/kWh den tiefsten Stand seit 2007. Seitdem hat der Preis leicht angezogen, auch weil die von der Bundesregierung beschlossene schrittweise Stilllegung von 2.700 MW Braunkohleleistung zu wirken beginnt. Stand Juni 2016 notiert der Futurepreis pro kWh für Strom zur Lieferung 2017 bei unter 2,7 Cent pro kWh.

strompreis terminmarkt
2. Warum die Strompreise an der Börse stark sinken und die Strompreise deshalb für Verbraucher steigen 
Der Hauptgrund für die sinkenden Strompreise an der Börse ist die geänderte Regelung des EEG-Stromverkaufs ab 2010 (neuer Wälzungsmechanismus) durch die schwarz-gelbe Bundesregierung. Bis zum Jahr 2009 erhielten die Stadtwerke den EEG-Strom aus Windkraftanlagen, Solarkraftwerken oder Biogasanlagen als sog. EEG-Stromband monatlich tatsächlich physisch geliefert, so dass die großen Vorlieferanten (RWE, E.ON, Vattenfall, EnBW, etc.) auch faktisch immer weniger konventionellen Strom an ihre Stadtwerke liefern konnten.
Die großen Stromerzeuger und die kommunalen Vertreter haben dafür gesorgt, dass der EEG-Strom seit 2010 an der Börse am Spotmarkt verkauft werden muss. Und das hat weitreichende Folgen:
Der Vorteil für die großen Stromerzeuger wie RWE, E.ON & Co.: sie beliefern ihre Kunden bzw. Stadtwerke seit 2010 wieder weitgehend vollständig oder sogar zu 100% mit Strom, aber mit konventionellem Strom (Braunkohle, Steinkohle, Atomstrom, Gas). Vorteil für die Stadtwerke: sie haben weniger Aufwand, weil sie sich nicht mehr um die Einbindung des EEG-Stroms kümmern müssen, denn sie bekommen keinen EEG-Strom physisch mehr geliefert.
Paradox: Obwohl Stadtwerke nahezu 100% des Stroms als konventionellen Strom erhalten und keine einzige Kilowattstunde (kWh) "grünen" EEG-Strom einkaufen, wird im Strom-Mix der Stadtwerke trotzdem ein Anteil an "Erneuerbaren Energien, gefördert nach dem EEG" von aktuell bis zu 29,4 Prozent ausgewiesen. Hier werden dem Verbraucher regenerative Aktivitäten des Stadtwerks vorgegaukelt, obwohl keine einzige Kilowattstunde EEG-Strom eingekauft wurde (siehe Stromwechsel: Verbraucher-Täuschung beim Strom-Mix).

Den Nachteil haben die Stromverbraucher: Die Stadtwerke decken sich seit 2010 wieder entweder nahezu oder vollständig über die großen Versorger bzw. Vorlieferanten mit konventionellem Strom ein. Der EEG-Strom, der vorher an die Stadtwerke tatsächlich geliefert wurde, kommt nun an der Börse zusätzlich auf den Markt und drückt auf die Preise. Weil die EEG-Umlage für die Verbraucher die Differenz aus Vergütungszahlungen an die Betreiber und den Börsen-Verkaufserlösen am Spotmarkt ist, steigt die EEG-Umlage mit sinkenden Börsen-Strompreisen. Letztendlich finanzieren die Verbraucher so niedrige Börsenstrom-Einkaufspreise für Großabnehmer und die Industrie.

3. Warum die Entlastung beim Stromverbraucher nicht ankommt - Stromhändler geben steigende EEG-Umlage weiter, sinkende Strom-Einkaufspreise aber nicht

Da der Preisrückgang der Börsenstrompreise am Spot- bzw. Terminmarkt nicht entsprechend an die Verbraucher weitergegeben wird, profitieren derzeit vor allem die Stromeinkäufer, Großabnehmer und die energieintensiven Unternehmen von den niedrigen Börsenstrompreisen. Viele dieser Unternehmen sind i.d.R. auch noch von der EEG-Umlage oder den Netzentgelten teilweise oder ganz befreit.

Andererseits werden die Kosten für die EEG-Umlage voll in den Strompreis für die Endverbraucher und das Kleingewerbe eingepreist, so dass es zu einer einseitigen Verteuerung der Strompreise kommt. Je niedriger der erzielte Börsenstrompreis für EEG-Strom am Spotmarkt und je höher die Menge des erzeugten EEG-Stroms ist, umso stärker steigt auch die EEG-Umlage an. In den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung steht ausschließlich die Erhöhung der EEG-Umlage im Fokus. Der an den Strombörsen zu beobachtende drastische Preis-Senkungseffekt für die Wirtschaft wird kaum thematisiert.

Warum aber geben die Stromversorger die sinkenden Börsen-Strompreise an die Verbraucher nicht oder nur zögerlich weiter? Der Grund ist einfach: Zahlreiche Stromversorger bzw. Stadtwerke kaufen gar keinen billigen Strom an der Börse. Sie scheuen den Aufwand oder das Risiko. Stattdessen haben sie vielfach einen für sie risikolosen Vollversorgungsvertrag mit einem der großen Stromerzeuger und Vorlieferanten über mehrere Jahre abgeschlossen. Die Strom-Einkaufspreise sind dann für den Vertragszeitraum fix und schwanken nicht wie an der Börse. Günstige Strom-Einkaufspreise können dann aber auch nicht genutzt werden. Die Veränderungen bei der EEG-Umlage für den Verbraucher kommen dann mit der Begründung einer "staatlichen Abgabe" on top auf den Strompreis.

4. Industrie und Großabnehmer profitieren von sinkenden Großhandelspreisen - Strompreise seit Fukushima halbiert
Nach dem deutschen Atomausstieg 2011 wurden in Deutschland die reinsten Energie-Horrorszenarien an die Wand gemalt. Eine riesige Stromlücke sollte durch die sofortige Stilllegung von acht Atomkraftwerken (AKW) drohen. Als weitere Folge wurden Blackouts und stark steigende Strompreise vorausgesagt. Tatsächlich gab es weder eine Stromlücke noch Blackouts. Im Gegenteil: Im Jahr 2015 wurde mit 52 Mrd. kWh ein neuer Rekord-Stromexportüberschuss aufgestellt.

strompreis terminmarkt alle Jahre
Musste an der Strombörse kurz nach dem Fukushima-Reaktorunfall noch über 6 Cent/kWh für den Grundlaststrom (Grundlast- und Spitzenlast-Strom) bezahlt werden, so können sich die Großabnehmer und die Industrie aktuell für 2,7 Cent/kWh (Lieferjahr 2017) eindecken. Das ist der niedrigste Strompreis seit über 10 Jahren.

5. Fazit
Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat mit dem staatlich verordneten Verkauf des EEG-Stroms über die Strombörse ab 2010 selbst zum drastischen Anstieg der EEG-Umlage beigetragen. Bis 2009 wurde der EEG-Strom (sog. EEG-Band) an die Stadtwerke tatsächlich geliefert. Das hatte zur Folge, dass die großen Stromversorger (E.ON, RWE, EnBW, Vattenfall) die Stadtwerke mit dem zunehmenden Anteil an grünem "EEG-Strom" nicht mehr zu 100 Prozent, sondern mit einem immer geringer werdenden Anteil mit ihrem eigenen Strom versorgen konnten. Um diesen Effekt zu verhindern, muss der EEG-Strom auf Grund dieser Verordnung seit 2010 nicht mehr an die Stadtwerke geliefert, sondern an der Strombörse verkauft werden.
Die Folgen:
Die großen Stromversorger liefern wieder nahezu oder vollständig zu 100 Prozent ihren konventionellen Strom (Braun- und Steinkohle, Atomstrom, Gas) an die Stadtwerke und die Stadtwerke selbst haben keinen Aufwand mit der Einbindung des EEG-Stroms in das eigene Versorgungssystem, denn es wird ihnen gar kein EEG-Strom geliefert.
Die Wirtschaft profitiert von den sehr niedrigen Strompreisen (s. Grafiken), die auf dem Niveau von 2002 (Spotmarkt) und vor 2007 (Terminmarkt) angekommen sind.
Der Nachteil: Weil der EEG-Strom trotz der Vollversorgung der Stadtwerke an der Börse zusätzlich auf den Markt kommt, drückt dieser auf die Preise und lässt die EEG-Umlage wegen der steigenden Differenzkosten in die Höhe schnellen. So finanzieren die Strom-Verbraucher die niedrigen Strompreise für die Wirtschaft. Gleichzeitig führt diese Regelung dazu, dass der deutsche Stromexport-Überschuss mit etwa 52 Mrd. kWh (2015) einen neuen Rekord erreicht (entspricht rd. 8 Prozent der deutschen Stromerzeugung, rd. 650 Mrd. kWh) und die Klimabilanz verhagelt wird.     






Links

1. Börsen-Strompreise an der EEX (Preise am Terminmarkt 2017 - 2022 und Spotmarkt)
2. VIK-Strompreis-Index für gewerbliche Wirtschaft und Industrie (Mittelspannungskunden), VIK-Strompreis-Grafik
3. Windenergie aktuell in Deutschland

IWR-Pressemitteilungen zu Börsen-Strompreisen, EEG-Umlage und Subventionen
1. Februar 2016: Strompreise fallen auf das Niveau von 2002, IWR Online v. 01.03.2016
2. Deutsche Börsen-Strompreise markieren 2015 Elf-Jahrestief, IWR Online v. 05.01.2016
3. Strompreis in Deutschland sinkt erstmals seit 2000, IWR Online v. 04.09.2015
4. Strompreis: Ostdeutsche Landbewohner zahlen am meisten, IWR Online v. 05.03.2015
5. Strompreise sinken 2014 um 13 Prozent, IWR Online v. 02.01.2015
6. Seit Fukushima: Deutsche Strompreise sinken um 50 Prozent (PM v. 13.06.2014)
7. Steigende Milliarden-Überschüsse auf dem EEG-Umlagekonto  (PM v. 07.04.2014)
8. Ökostrom-Produktion sinkt: Verbraucher zahlen trotzdem mehr für Strom  (PM v. 04.09.2013)
9. Verbraucher subventionieren große Stromabnehmer mit 7 Milliarden Euro (IWR-News v. 09.08.2013)
10. Strom: Verbraucher finanzieren sinkende Strompreise an der Börse (PM v. 08.02.2013)
11. Strompreise fallen kräftig - so billig wie 2005 (IWR-News v. 04.02.2013)
12. Anhaltend sinkende Strompreise treiben EEG-Umlage für Verbraucher (PM v. 02.08.2012)
13. In Deutschland fallen die Strompreise – nur nicht für Verbraucher (PM v. 05.07.2012
14. Fallende Börsen-Strompreise treiben Stromkosten für Verbraucher (PM v. 04.06.2012)
 
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